Über meine Leidenschaft

Ich liebe es, in Metaphern zu sprechen. Denn wir alle sind für Bilder empfänglich. Unser Kopfkino lässt uns unbegrenzt Dinge avisieren, Gutes und Ungutes ausmalen.

Wenn ich Seminare gebe über Partnerschaft und Beziehung, gehe ich – je nachdem, ob Rahmen und Thema es zulassen – im 2. Teil in ein Experiment über. Nach einer Pause betrete ich den Raum. Diesmal aber in Home-Wear und mit einer Reinigungsmaske im Gesicht. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Manche sind belustigt, feixen, tuscheln mit ihrem Partner oder der Freundin, andere sind empört, peinlich berührt, fragend, wieder andere schütteln einfach nur den Kopf. Manche erkennen mich aber nicht einmal auf den ersten Blick und sind, wenn sie mich dann wahrnehmen, entsetzt. Mein Sohn – mein ärgster Kritiker – meinte, das könne ich nicht bringen.

Meine Mutter pflegte früher zu sagen, in einem solchen Zustand mich niemals vor meinem Mann blicken zu lassen. NEIN? Warum nicht?
Wenn ich dann in diesem Zustand vor versammelter Mannschaft stehe – wohl wissend, dass ich durchaus provoziere – und mir diese Maske vom Gesicht ziehe, werden die Gesichter im Publikum schon fragender. Es entsteht eine gewisse Erwartungshaltung. Wenn die Maske einmal weg ist, stehe ich da. Ungeschminkt. Ich muss zugeben, ich fühle mich „nackt“, so ganz ohne Wimperntusche und Eyeliner. All dies tue ich wortlos. Ich erkläre mich nicht. Ich schweige und handle. Das Bild sitzt. Auf beiden Seiten. Die Belustigung weicht und so langsam fangen die Leute an zu begreifen.

Reinigende Momente sind unangenehm. Für den, der den Prozess durchläuft UND für die, die es mitbekommen. Nicht selten passiert es, dass sich Freunde von einem distanzieren, weil sie oft nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Schönheit sieht nun einmal anders aus. Und so manches Maskengesicht löst eher Albträume als ein wohliges Gefühl aus. Aber Reinigungsprozesse sind für uns alle notwendig.

Wenn Zeiten kommen, die uns an unsere Grenzen bringen, in denen wir uns hinterfragen und dann erkennen, dass da der eine oder andere Pickel ist, der zu eitern droht, wenn Unreinheiten zu Tage treten… dann ist es Zeit für eine reinigende Maske. Dann ist es Zeit, Dinge zu unternehmen, die die Unebenheiten, Mitesser und Follikel beseitigen. Was hilft? Professioneller Rat einer Kosmetikerin? Kann teuer werden. Und es gibt Leute, die behaupten, dass die Haut der Spiegel der Seele ist. Ich mache natürlich keine Werbung für Kosmetika. Gerne aber für die Reinigung unserer Seelen.

Und dann schließt sich der Kreis. Es gibt sie, diese Phasen, in denen wir vielleicht „unschön“ sind, uns selbst nicht ausstehen können und „o’leidig“ werden. Wo sich Freunde von uns distanzieren, weil sie mit dem Prozess, in dem wir stecken, nichts anfangen können. Aber er ist heilend. Reinigend, Befreiend. Und am Ende steht da ein Mensch, der so ist, wie er ist. Ungeschminkt. Unverblümt. Es tritt der zutage, der wir wirklich sind.
Mag sein, dass dann unsere Freunde andere werden. Auf jeden Fall sollten wir diesen Prozess nicht scheuen. Er findet ja auch nicht jede Woche statt. Aber er ist nötig. Damit wir den Ballast ablegen, der uns quält. Und wenn wir Freunde und/oder einen Partner haben, die uns auch in dieser Zeit ertragen – umso besser. Das Resultat ist auf jeden Fall ermutigend. Trauen Sie sich!